Die Zielgruppe – ein Ausflug in die Theorie

8. Januar 2010 at 20:21 (Allgemeines)

Keine Sorge, es wird nicht so langweilig wie sich der Titel anhört ;) .  Aber um auf den Grund zu kommen, woran es liegt, dass manche Castingacts weltweit erfolgreich sind oder das Phänomen von Susan Boyle zu verstehen, ist ein bisschen Marketinggrundwissen und Zielgruppengrundwissen ganz nützlich. Oder warum verkauften Befour, eine reine Popband mit der Zielgruppe 8 bis 12jährige viele Platten, LaFee aber floppt nach anfänglichen Erfolgen – hat auch was mit der Zielgruppe zu tun.

Moment, wird der eine oder andere sagen: Musik ist doch kein Waschmittel, dass man einfach nur richtig an den Mann bringen muss, dann läuft es. Doch, werde ich erwiedern, Musik und Künstler sind genauso ein Produkt wie Turnschuhe, Kaffee oder Parfüm, der Unterschied zum Waschmittel ist nur, dass Musik nicht zum Grundbedarf des täglichen Lebens gehört und es mehr Musiker und Künstler gibt als Käufer. Und genau deswegen ist richtiges Marketing so wichtig und wie bei jedem “Produkt” muss man seine Zielgruppe kennen. Es gibt kein “Produkt” das nicht auch einen Deckel finden würde. Ein Ferrari verkauft gut, eine ALDI-Gesichtcreme verkauft sich auch gut – nur eben nicht an jeden.  

Wie man Zielgruppe und Musik, die hinterher verkauft wird, in Einklang bringt macht Super RTL seit Jahren vor.  Auf Grunde des Erfolges von Popstars kam Super RTL auf die Idee, auch so etwas ähnliches zu machen: Das Startagebuch. Der Unterschied ist, das die Teilnehmer im Vorfeld gecastet werden und erst als fertige Band bei der Entstehung der selbigen begleitet werden. Die daraus enstandenen Gruppen:  Banaroo (2005), Yoomiii (2006), beFour (2007)  und Cherona (2009). Zielgruppe des Senders 3 bis 13 (und da hat er auch die Markführerschaft) Definierte  Zielgruppe der Bands: 8 bis 12 Jahre.

Die gecasteten Teilnehmer sind in der Regel Anfang bis Mitte 20, haben in der Regel entweder eine Musicalausbildung oder ein Tanz- bzw. Schauspielausbildung. Sie singen nie live sondern immer Playback und singen so nette Songs wie
(Vorsicht beim Anklicken der Links – ich will nicht schuld sein :mrgreen: )

Banaroo http://www.youtube.com/watch?v=gYTqYVHS1lo
Yoomi http://www.youtube.com/watch?v=LrrmKmlZxf4&feature=related
befour http://www.youtube.com/watch?v=8lCNZoi_eUE&feature=related
Cherona http://www.myvideo.de/watch/6604068/Cherona_Sound_Of_Africa_Heyama

Alles der gleiche Typ von Musik, die gleiche Aufmachung, bei Banaroo und befour sehen die Typen auch noch gleich aus. Warum hat das so einen Erfolg? Warum ist dieser harmlose und sinnfreie Dancepop dermassen erfolgreich und warum sind diese Bands nach 3 Jahren wieder in der Versenkung verschwunden.

Beide Male wegen ihrer Zielgruppe. Durch das Startagebuch werden sie begleitet, die Kinder finden es spannend, begeistern sich für Mitglieder, fiebern bei Problemen mit (also auch das, was uns Erwachsene an Castingshows teilweise fasziniert). Die Musik und die Videos sind so ausgelegt, dass sie Kindern gefallen. Aber der viel wichtigere Aspekt, es gefällt den Eltern. Das ist harmlos, bunt, nett, die Musik hört sich doch so an, wie damals, als wir auch jung waren etc. pp. Da sind Eltern auch ganz froh, wenn sich ihr Sprössling für sowas begeistert und nicht für den bösen Gangstarapper, den ein frühreifer Schulfreund letztens dem Sprössling vorspielte.

Kinder bis 12 Jahre sind leicht zu begeistern, kaufen aber selten selbst schon Platten. Die werden von den Eltern gekauft. Die Kiddies kaufen dann den Sticker, die ganzen Merchandising-Artikel, hängen die Poster an die Wand.  Als Zweitverwertung erscheinen die Lieder regelmässig auf sämtlichen Ballermann/Fetenhits (mit 3 Promille wird man regelmässig zum Kind). Das funktioniert, aber eben nicht lange.

Nach drei Jahren sind sie weg vom Fenster. Die Antwort auf die Frage liegt auch in der Zielgruppe. So gut das Zielgruppenkonzept funktioniert, daran scheitern diese Bands auch wieder. Einmal, weil sie eben kein eigenständiges Profil ausbauen und somit auf ihre ursprüngliche Zielgruppe beschränkt bleiben und andersseits, weil ihnen ihre Zielgruppe entwächst.

Kinder sind ungefähr bis 12 Jahre (die Grenzen sind fliessend und nur grob) noch sehr auf den elterlichen Geschmack geprägt. Es kommt gut an, was cool ist, was den Anschein von “modern” macht, aber spätestens mit 121 Jahren beginnt langsam die Orientierungsphase, in der sie über den elterlichen Tellerrand hinausblicken und einen eigenständigen Geschmack entwickeln. Mit 13 fängt dann meist die Loslösungsphase an (oder auch Pupertät ) zu der auch gehört, alles uncool zu finden, was man als Kind noch ganz toll fand. Von Tante Käthe, die man nun hasst, weil sie einem immer einen Kuss gibt bis zur Musik, die man vor einem Jahr noch gut fand. Jetzt spielt viel mehr die Meinung der Freunde, der coolen Leute an der Schule, der selbstgewählten Vorbilder eine Rolle, die Eltern verlieren an “Bedeutung”. In der Phase fangen die Jugendlichen an, ihr Geld selbstbestimmt auszugeben. Sie entdecken neue Musik, neue Künstler, die cleanen Strahlemänner der SuperRTL-Gruppen verlieren sehr schnell ihre Anziehungskraft. Jetzt steht man auf Bitches oder auf Hardrock oder auf Rapp oder auf Sexy Popsternchen.

Man sollte Kinder aber nie unterschätzen, sie können durchaus unterscheiden zwischen Murks und Qualität. Sie kaufen nicht einfach so, sie begeistern sich nicht einfach so. Sie sind nur leichter zu begeistern aber halt auch schneller wieder weg. Je älter die Jugendlichen werden, desto eher interessieren sie sich auch für die Qualitäten – sei es, weil ihnen die Texte in dem Moment aus der Seele sprechen (das war der Erfolgsfaktor von LaFee, der es aber auch nicht gelang, ihre Zielgruppe über die zwei Jahre zu retten) oder weil man auf den Beat verdammt geil tanzen kann oder weil die Stimme von X oder Y Gänsehaut verursacht. Wenn man auf die ganze junge Zielgruppe abzielt wird es extrem schwer, langfristig erfolgreich zu sein.

13 Kommentare

  1. CHR!S sagte,

    Da hast du recht. Allerdings ist es glaub ich egal ob man als Zielgruppe Teenager oder Kiddies hat. Beides hält sich ca. 3 Jahre. Irgendwo gab es mal ein Artikel über Bands und durchschnittlich waren sie 3,5 Jahre aktiv. Das ist dann wohl die Zeit bis die Zielgruppe hinauswächst. Eine junge Zielgruppe zu haben ist aber grundsätzlich nicht verkehrt. Bands wie die Backstreet Boys oder Take That konnten bei ihrem Comeback ihre alten Fans wieder mobilisieren und haben sich weiterentwickelt. Oft entscheidet die Weiterentwicklung ob und wie lange sich eine Band halten kann. Dies war positiv bei Take That, gelingt allerdings selben bei deutschen Casting-Künstlern. Sobald sie sich von einer neuen, erwachseneren Seite zeigen sind sie oft gefloppt. Sie sprechen ihre alte Zielgruppe (Bravo-Leser etc.) nicht mehr so an und die neue nimmt sie nicht wirklich ernst. Ausnahmen seh ich da bei Monrose, die mit “Hot Sommer” plötzlich fast alle Altersklassen ansprachen oder Queensberry, wo viele Ältere meinten eigentlich können sie mit der Band wenig anfangen, aber “Too young” finden sie toll.

  2. jodelkoenig sagte,

    Ich denke, ältere Teenager so ab 15, 16 sind unproblematisch. Die sind in der Regel schon so gefestigt, dass sie genau wissen, was sie mögen oder nicht.

    Monrose haben mit Hot Summer einen Grossteil ihrer erwachenen Fans verschreckt ;) und die Kiddies fanden diese Gruppe dermassen uncool, dass ein junger Monrosefan schon grosses Standvermögen haben musste, um sich zu outen :D

    Das “Problem” bei Monrose war, dass sie einfach nicht in das von den Strategen geplante Muster passen wollten. Bei Pro7 gab es damals einen Folder von MM-Merchandising, in der Monrose als Gruppe für Kiddies und Teenies angepriesen wurde – Alter von 6 bis 14. Wer Senna als Traum für 7jährige sieht, hat den Schuss nicht gehört :mrgreen: . Kinder fanden Monrose blöd, junge Teenager fanden Monrose Scheisse, erst ab 16 rekrutierten sich die Masse der jungen Fans.

    Warum das Comebacks von Take That gelungen sind und das der No Angels und der Backstreetboys zum Beispiel nicht so gut, liegt auch am Zeitrahmen. Take That waren 10 Jahre weg, die BB vier und die No Angels nur 3. Das ist bei einer jungen Zielgruppe problematisch. Wenn du zum Zeitpunkt der Trennung 15 Jahre alt warst, dann bist du bei Take That 25 und schämst dich nicht mehr für die Sünden der Vergangenheit, freust dich, dass deine Lieblingsgruppe wieder antritt und wenn dann die Musik noch passt, dann kaufst du auch wieder. Bei den BB bist du 19 und bei den No Angels 18 und in einer Phase, wo du vor allem in Club abhängst, wo du Party machen willst, wo dich andere Dinge interessieren. Wenn dann die Musik nicht genau dein Lebensgefühl trifft, freust du dich zwar, dass deine Lieblingsband wieder am Start ist, aber mit der Musik kannst du nicht soviel anfangen.

    Das Problem bei Comebacks ist ja immer, dass du jahrelang keine neuen, frischen Fans dazu gewonnen hast und nur auf deine alten am Anfang zählen kannst. Und wenn die gerade auf was anderes als den “Sound” von früher stehen, wird es schwierig.

  3. friendsundlovers sagte,

    Wenn “Hot summer” so viele junge und ältere Fans verschreckt hat, dann frage ich mich, wie sie auf die 1 gekommen sind. Mir als älteren Fan hat Hot Summer gut gefallen. Kann schon sein, dass ich da eher die Ausnahme bin, aber bei den Teenies kam Hot Summer bestimmt gut an, ist ja keiner gezwungen worden das zu kaufen.
    Von dem Startagebuch höre ich zum 1. Mal, aber zu Recht, denn ich bin ja weit älter als 12 …

  4. jodelkoenig sagte,

    Nicht die jungen und die älteren sondern es hat die älteren “verschreckt”. Anderseits hat es wiederum Leuten gefallen, denen Shame und Temptation nicht gefallen hat.

    Aber Hot Summer verkauft nur die Hälfte von Shame (also statt fast 500.000 “nur” rund 250.000 Exemplare) aber immer noch genug um auf die #1 zu gehen.

    Aber der Unterschied zwischen den erfolgreichen Popstarsbands und den SuperRTL Bands ist ein entscheidender. Während sich die SuperRTL Bands eindeutig an eine Alterszielgruppe wenden, sowohl mit der Musik wie auch mit der ganzen Ausgestaltung, haben die erfolgreichen Popstarsbands immer auf eine “musikalische” Zielgruppe abgezielt und nicht so sehr auf eine “Altersgruppe”.

  5. DOKO sagte,

    Ja das ist ja mal interessant :)

    Das erklärt mir jezt auch warum bei dem Konzerten von Godoj so “viele” Kinder waren und ich hab schon gedacht, wie doof ist das denn Kinder zu einem Konzert mitzubringen und in einen Sicherheitskäfig zu sperren.

    Die Thomaten erzählen ja auch immer ganz stolz, dass Fritzchen Bilder von Thomas Godoj malen will und auch da neue Lied immer vorspielt und schon mitsingen kann.

  6. jodelkoenig sagte,

    Dann dürften die Thomatenkinder unter 12 sein ;)

    Thomas gehört auch zu denen, die eher eine musikalische Zielgruppe ansprechen.

    Es gibt ja alles mögliche dazwischen. Generell ist derjenige am besten bedient, dessen Gesamtpaket einfach eine “musikalische” Zielgruppe anspricht.

    Ein Grund, warum meiner Meinung nach Bisou so schnell unterging, lag an dem Album, dass textlich nur Teenager ansprach, während die Single: Die erste Träne alle Altersgruppen ansprach. Hätte man auf dieser Schiene weitergemacht, hätte das ein kleiner Erfolg werden können.

  7. DOKO sagte,

    Lafee ist geflopt, hab ich gar nicht mitbekommen, dabei hab ich doch damals noch meiner Freundin die Virus- CD geschenkt als ihr Kerl abgehauen ist. War lange Zeit ihr Lieblingslied.

    Die anderen kenn ich alle gar nicht, hab ich wohl auch nichts verpasst.

  8. jodelkoenig sagte,

    Ihr “Best of” kam noch nicht mal in die Top 100, ihre letzte Single chartete auf #94.

    Ihr Album Ring frei Anfang 2009 kam zwar noch in die Top 10, aber hielt sich im Gegensatz zu ihren anderen Alben nicht sehr lange (immer noch besser als manch andere, aber eben für LaFee Verhältnisse schlecht).

    Ein Best of Album wird von zwei Käuferschichten gekauft. Den Fans, die alles haben müssen, was ihr Liebling herausbringt (und der schlechte Verkauf deutet darauf hin, dass die Fans inzwischen “erwachsen” sind) und von Leuten, die vorher die Alben nicht gekauft haben, den Künstler aber ganz gut finden und dann sagen: Kauf ich mir doch das “Best of” da habe ich dann alles, was gut ist. Das ist ihr aber auch nicht gelungen. Sie blieb im Teenieghetto ohne andere zu gewinnen.

  9. Muffin sagte,

    Ich habe schon seit einiger Zeit eine Frage. Ich denke, du (bzw. ihr) kannst mir die Frage gut beantworten.

    Wenn die Fans langsam aus der Musik des Künstlers “herauswachsen”, also der Musiker langsam aber sicher out ist, wieso wächst er nicht einfach mit den Fans mit?

    Ich hoffe jetzt nicht, dass das eine unverständliche Frage ist, aber es interessiert mich einfach.

    Ich bin ja Monrose-Fan. Damals beim Debut war ich so ungefähr 13 oder so. Temptation fand ich megageilomatiko, fuhr auf das “brave” Image der 3 ab. Heute würde mir das Debut wahrscheinlich gar nicht mehr so gefallen, wurde auch selbst elektropop-lastiger und liebe dafür den jetzigen Stil und das Image der Band.

  10. singstar sagte,

    aber wenn alle kinderbands so schnell – wie du sagst – von der bildfläche verschwinden, was ist dann z.b. mit “ralf zuckowski”? wenn die band, die medien, das label und der vertrieb wollen, lebt das thema auch über drei jahre hinweg. ist nur viel arbeit und kostet geld. das generelle problem ist doch, dass die künstler der kinderbands dann älter werden wollen, cooler und genau das geht am ende in die hose….

    • singstar sagte,

      es ist egal wenn die zielgruppe rauswächst, du mußt dafür sorgen, dass du genug neue personen in der ziel gruppe ansprechen kannst – das kostet geld – menschen entwickeln sich und verändern sich, ebenso wie der musikstil – ich glaube nicht, dass künstler mit ihrer zielgruppe wachsen müssen. sie müssen sich jederzeit mit jedem neuen album auf ihre art neu erfinden, etwas das die zielgruppe gut findet. am besten die zielgruppe, die noch bereit ist, geld dafür auszugeben :-)

  11. sinsin sagte,

    PS: cherona von super rtl ist gefloppt – yomiii ist gefloppt….banaroo und befour waren erfolgreich – gutes konzept, guter cast – gute musik – TOPP!!! die anderen waren murks, scheiß cast (die gesichter waren mist, die attitude war mist, der caracter war mist, kostüme etc etc endlose fehlerliste!!!!!!!!!!!)
    lag wohl an management und an label – kann ich mir nicht anders erklären, vielleicht auch an super rtl – keine ahnung was die da zu entscheiden haben ;-)
    whatever, meine meinung bildet das oben ab – lässt sich sicher auch an verkaufszahlen belegen – ;-) – DER EINE HATS DER ANDERE NICHT – cherona war eine echt üble konstruktion, die mochten sich doch selbst nicht leiden! da konnt noch nich mal de musik punkten, auch der musik master bei srtl ist ja nicht mehr am start – seither eh nur flops – bye bye my love….

  12. friendsundlovers sagte,

    SRTL wirft ja nun Dominik Büchele ins Rennen.
    Von Cherona habe ich nie etwas mitbekommen

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